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Schatztruhe

Kein Schneider

Vor kurzem traf ich jemand, den ich seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte. Laura sah noch immer so unnahbar schön aus. Gut, sie war nicht mehr so tadellos gekleidet. Barfüssig mit zerzausten Haaren rannte sie im Bademantel an mir vorbei. Da schien etwas faul zu sein. Ich folgte ihr, was bei dem Tempo, das sie vorlegte nicht einfach war. Als ich am Bismarckdenkmal keuchend Richtung Hasenberg bog, konnte ich gerade noch erkennen, wie sie in diesem Haus mit der grünen Eingangstür verschwand.

Ich mag keine grünen Türen, aber ich überwand meine Abscheu und folgte ihr.
Dabei hatte ich wohl zu lange gezögert. Ein paar Schritte hinter der Tür fand ich Laura leblos am Boden liegen.

Unnahbar schön, auch jetzt noch“, ging es mir durch den Kopf und ich betrachtete verwirrt die lange Nadel, die ich mit einem Mal in meiner Hand hielt. Hatte ich sie vom Boden aufgehoben. Das Tatwerkzeug? Ich fand keine Blutspuren. Die Nadel konnte abgewischt worden sein. Ich drehte mich um und sah wie ein glatzköpfiger Mann mit Sonnenbrille am Ende des Hausflurs durch die Hoftür verschwand. Sonnenbrillen mag ich auch nicht. Dennoch lief ich mit der Nadel in der Hand hinter dem Glatzkopf her.

Was hatte das alles zu bedeuten? War der Glatzkopf Lauras Mörder? War er ein Schneider?

"Halt!" rief ich, "sofort stehen bleiben, ich bin von der Kripo und habe ein paar Fragen!"
Der Mann blieb stehen.
"Von der Kripo? Was wollen sie von mir? Können Sie sich überhaupt ausweisen?"
"Das ist doch ihre Nadel, oder?" Ich hielt ihm die Nadel vors Gesicht.
"Kommen sie mir bloß nicht so pseudomodern!" schrie er mich an, "solche Nadeln wie diese benutze ich seit Jahren nicht mehr."
"Dann sind sie kein Schneider?"

Er kramte in der Jackentasche und ließ ein Klappmesser aufspringen.
"Sie verwechseln da was", sagte er betont ruhig, "ich bevorzuge dieses Modell."

Der Schmerz nahm mir selbst die Kraft zum Schreien und ich dachte, dass mir der erste Ausgang ohne Therapiegruppe nicht viel Glück gebracht hatte.

HEIMATSTORY

"Oh Mann!" sagte ich. Hinter den schneebedeckten Gipfeln der Berge zogen tiefschwarze Wolken auf. Resi blickte mich aus ihren dunklen Augen sorgenvoll an:

"Wann sind wir denn auf der Hütte, Sepp?"

"Nur Geduld meine Kleine, lange kann es nicht mehr dauern. Und dann machen wir es uns so richtig gemütlich."

In Gedanken saß ich schon in der Berghütte und wärmte mich mit Resi am Kaminfeuer. Als ich diese Resi Rembach vor einer halben Stunde unten bei der Talstation traf, hatte ich vorgegeben Sepp zu heißen, weil ich wusste, dass dieser Name die alpenländischen Frauen anmachte. Dabei hieß ich Hans-Dieter, aber das wusste die Resi ja nicht.

Wir schritten also forsch weiter aus, bis uns die ersten dicken Regentropfen auf die Nase fielen. Ein Blitz zuckte quer über den Himmel. Resi schrie auf. Ich legte ihr beschützend den Arm um die Schultern:

"Hab' keine Angst Resi. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne mich aus in den Bergen!"

Davon stimmte natürlich kein Wort und als sekundenlang mächtiger Donner grollte, bekam ich es langsam selbst mit der Angst zu tun. Zu dumm auch, dass hier oben kein einziger Baum mehr stand. Resi klammerte sich zitternd an mich:

"Sepp holt mi gonz fest!"

Ich sah mich um. Wer war Sepp?! dachte ich im ersten Moment.

Da trat ein Ziegenbock hinter einem großen Stein hervor. Er meckerte und lief nur ein paar Schritte an uns vorbei.

"Wir folgen der Ziege!" rief ich Resi zu. Sie schaute etwas ungläubig, beschloss dann aber mir zu vertrauen und so rannten wir dem Vieh hinterher. Es regnete in Strömen. Die Ziege bekam es mit der Angst, als sie uns hinter sich herlaufen sah und kletterte einen Abhang hinunter. Ich verlor den Halt und fiel. Resi, die noch voll im Schwung war, stolperte über mich und flog mit dem Kopf voran in Richtung einer sich vor uns auftuenden Schlucht. Nur ein Wunder konnte jetzt noch helfen!

Resi war verschwunden. Ich kroch auf den Abgrund zu. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Und ich hatte ihr nicht einmal meinen richtigen Namen gesagt. Ich blickte hinunter. Da saß doch die Resi einträchtig beisammen mit dem Ziegenbock, einer Ziege und vier schwarz-weißen Zicklein unter einem Felsvorsprung.

"Beeil dich Sepp, hier ist es trocken!" rief mir die Resi fröhlich winkend zu.

© SchreibArt Bochum Januar 2002
 

Die Story entstand bei einem Gruppenschreibspiel.

Volltreffer

Als Arabella Atzhorn nach dem Klingeln des Weckers wie jeden Morgen aufstand, um zuerst aufs Klo zu gehen, hörte sie seltsam kratzende Geräusche. Auf Zehenspitzen näherte sie sich der grünen, alten Badezimmertür. Sie schob sie vorsichtig auf und stieß einen Schrei aus. Da saß ein Mann auf der Kloschüssel, ein fremder Mann.

"Entschuldigung", knurrte er, "ich weiß selbst nicht, wie ich hier reingekommen bin."

Arabella war sprachlos, beinahe jedenfalls:

"Wer sind sie? Und wo um alles in der Welt ist mein Eduard?"

"Eduard? Kenne ich nicht, meine liebe Evelyn, Evelyn Sonntag oder ?"

Damit erhob sich der Mann vom Toilettensitz, betätigte die Spülung, zog sich die restlichen Sachen aus und stellte sich unter die Dusche.

Arabella taumelte ein paar Schritte zurück. Gleichzeitig hörte sie Geschirrklappern aus der Küche. In der Küche stand noch ein Fremder und kochte Kaffee.

Das Ganze musste ein Alptraum sein! Oder hatte ihre Mitbewohnerin diese Typen irgendwo aufgegabelt?!

"Guten Morgen Evelyn! Milch und Zucker in den Kaffee?"

Der Mann strahlte sie mit blitzenden Zähnen und aus hellblauen Augen an.

"Ich, ich bin nicht diese Evelyn. Habt ihr sie noch alle auf der Latte?! Seid ihr vielleicht ne Bande? Der eine sitzt auf dem Klo, der andere kocht Kaffee, möchte nicht wissen, was sich gerade in meinem Bett tut!"

"Meinst du mich Evelyn?" Ein dritter Fremder kam aus ihrem Schlafzimmer auf sie zu.

"Morgen Schatz!" und bevor sie sich wehren konnte, hatte der Schlafzimmertyp sie auf den Mund geküsst.

Donnerwetter, nicht schlecht diese Evelyn Sonntag zu sein, dachte Arabella, die macht es richtig, für jede Gelegenheit einen Typen. Und alle so gutaussehend.

Arabella schrieb ihren neuen Namen auf ein Stück Papier. Sie wollte das Schild über der Türklingel auswechseln. Aber da stand bereits Evelyn Sonntag. Nachdem sie den Namen noch etwa zehn Mal gelesen hatte, dachte sie plötzlich: Wer ist überhaupt diese komische Arabella Atzhorn? Und wer ist Eduard? Vielleicht Romanfiguren?

"Los Evelyn-Schatz, du kommst noch zu spät zur Arbeit!" Der Kaffeekocher hielt ihr einen rosafarbenen Kunstpelzmantel hin. Sie schlüpfte hinein und als sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog, hatte sie wirklich gute Laune.
 

"Volltreffer" entstand am 12.11.2001 beim Bandwurm-Schreibspiel.

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